Autoantikörper: Neue Behandlungsmöglichkeiten und Herausforderungen für die Neurologie

Amsterdam (pts001/25.06.2017/08:00) – Gedächtnisverlust, Epilepsie, psychiatrische oder Bewegungsstörungen – all diese und viele weitere Beschwerden und Krankheiten können nach neuen Erkenntnissen auch durch Autoantikörper ausgelöst werden und auf Immuntherapien ansprechen. Während Antikörper üblicherweise den Organismus vor Infektionen oder Fremdkörper schützen, greifen Autoantikörper das körpereigene Gewebe an. Lange Zeit ging man davon aus, dass das Gehirn nicht durch Autoantikörper gefährdet ist, weil es durch die Blut-Hirn-Schranke geschützt sein sollte. Inzwischen ist aber nachgewiesen, dass auch Proteine im Gehirn Ziel der Angriffe sein können. „Das ist zwar selten der Fall, aber wenn, dann führt es binnen weniger Tage oder Wochen zu schweren Erkrankungen. Die Wissenschaft hat sich diesem Phänomen in den vergangenen Jahren intensiv gewidmet, die Diagnose- und Therapiemöglichkeiten haben sich erheblich verbessert“, sagte Prof. Dr. Angela Vincent von der Universität Oxford beim 3. Kongress der European Academy of Neurology (EAN) in Amsterdam.

Forschung entschlüsselt Angriffsziele

Die Fortschritte beruhen auf der zunehmend möglichen Identifizierung jener Autoantikörper, die Erkrankungen des Gehirns auslösen. Diese greifen verschiedene Rezeptoren und Kanäle von Membranproteinen neuronaler und nichtneuronaler Zellen im Zentralnervensystem an. Zu diesen Zielen gehören zum Beispiel NMDA-Rezeptoren, andere Glutamatrezeptoren, GABA-und Glyzin-Rezeptoren, und LGI1 und CASPR 2, zwei Proteine, die eine Rolle in der Nervenerregung spielen.

Diese neuen Einsichten spielen bei der Früherkennung und Diagnose eine wesentliche Rolle. „Der Möglichkeit einer Autoimmunität des Krankheitsgeschehens muss heute bei vielen akuten oder subakuten neurologischen Erkrankungen auch deshalb nachgegangen werden, weil die Beschwerden bei positiver Diagnose mit einer Immuntherapie gut behandelbar sein können“, so Prof. Vincent.

Immuntherapie als neue Behandlungsoption bei seltenen Epilepsieformen

Die Entdeckung solcher Autoantiköper hat zum Beispiel dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit auf eine neue Form von Epilepsie zu lenken: Betroffene sind von häufigen, kurz auftretenden Spasmen der Arme und des Gesichts betroffen. Man geht davon aus, dass diese sogenannten faziobrachial dystonen Anfälle durch Autoantikörper gegen das Protein LGI1 ausgelöst werden. Dr. Sarosh Irani von der Universität Oxford konnte zeigen, dass betroffene Patienten gut auf eine Immuntherapie ansprechen, ihre Anfälle verschwanden innerhalb von einigen Wochen. Unbehandelt entwickeln diese Patienten eine limbische Enzephalitis, mit massiver Amnesie. Eine Immuntherapie könnte dies verhindern.

Obwohl der Zusammenhang zwischen LGI1 und anderen Autoantikörpern und Enzephalitis immer klarer wird, ist für die Diagnose nicht unbedingt ein positiver Antikörper-Test erforderlich, so Prof. Vincent. „Inzwischen gibt es publizierte Leitlinien für die Diagnose von Patienten mit Autoimmun-Enzephalitis mithilfe von sorgfältiger Anamnese, Magnetresonanz-Bildgebung und Untersuchungen der Rückenmarkflüssigkeit, also Verfahren, die in den meisten Zentren verfügbar sind.“

Die Frage ist, ob auch manche therapierefraktäre Patienten mit herkömmlichen Epilepsien auf Immuntherapien ansprechen könnten, so Prof. Vincent: „Wir untersuchen das, ebenso wie eine Reihe anderer Forschergruppen. Es könnte sein, dass Autoantikörper bei einem kleinen Anteil typischer Epilepsien die Ursache der Erkrankung ist. Weitere Studien sind notwendig um zu sehen, ob diese Patienten auf Immuntherapien ansprechen.“

Autoantikörper-Screening

Mit der Verfügbarkeit kommerzieller Testkits sind Autoantikörper-Screenings inzwischen weit verbreitet. Doch es ist nicht so einfach zu definieren, welche Patienten tatsächlich sinnvollerweise auf Autoantikörper untersucht werden sollten. Immer mehr Antikörper im Blutserum und in der Rückenmarksflüssigkeit werden entdeckt. Manche sind relativ weit verbreitet, andere sehr selten. Auch wenn der Zusammenhang zwischen spezifischen Autoantikörpern und bestimmten Symptomen häufig beschrieben wird, sind dies oft Symptome wie Krampfanfälle oder Amnesie, die auch bei anderen, weit verbreiteten Erkrankungen vorkommen. Die Zahl der angeforderten Antikörper-Tests steigt enorm an, und damit ist unvermeidlich, dass es auch zu wenig aussagekräftigen Ergebnissen kommen kann. „Es sind die Behandler, die entscheiden müssen, auf welche Antikörper hin wir testen, ob positive Ergebnisse klinisch relevant sind und wenn ja, wie aggressiv der Patient in der Folge behandelt werden soll. Das alles kann sehr herausfordernd sein“, erklärt Prof. Vincent.

Ein Beispiel sind Antikörper gegen den N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor (NMDAR), die ein klinisch gut beschriebenes Syndrom mit Bewegungsstörungen auslösen kann, das oft mit psychotischem Verhalten beginnt. Wird diese von Prof. Josep Dalmau, Universität Pennsylvania, erstmals beschriebe Erkrankung immuntherapeutisch behandelt, führt das gewöhnlich zur Remission, allerdings erst nach Wochen oder Monaten. Die Schwierigkeit liegt jedoch darin, dass die klinischen Charakteristika einer solchen Psychose sich nicht von Psychose-Patienten ohne NMDAR-Antikörper unterscheiden. Es stelle sich also die Frage, ob man bei allen Patienten mit einer ersten psychotischen Episode den Antikörper-Test machen sollte, so die Expertin: „Die Studienergebnisse waren bisher uneinheitlich und die Einschätzungen der Sinnhaftigkeit solcher Tests reichen von Skepsis bis Enthusiasmus.“ Noch ist es ihrer Einschätzung nach zu früh zu beurteilen, ob ein umfangreiches „Autoantikörper-Screening“ bei Menschen mit isolierten epileptischen Anfällen, Psychosen oder kognitiver Dysfunktion als Routinemaßnahme künftig Sinn machen wird.

Quellen: Josep Dalmau, Angela Vincent. Do we need to measure specific antibodies in patients with limbic encephalitis? Published online before print January 6, 2017; Lennox et al. Prevalence and clinical characteristics of serum neuronal cell surface antibodies in first-episode psychosis : a case-control study. The Lancet Psychiatry, Vol. 4, No. 1, 01.01.2017; James Varley, Angela Vincent, Sarosh Irani. The role of adaptive immunity in Parkinsonian syndromes. ABN Abstracts 167, 2016 ABN Annual Meeting; Oxford Epilepsy Research Group: Autoantibodies In Epilepsy: Research Improving Patient Care; Dawes, John M.; Vincent, Angela. Autoantibodies and pain. Current Opinion in Supportive & Palliative Care: June 2016, Volume 10, Issue 2; Angela Vincent. Developments in autoimmune channelopathies. Autoimmunity Reviews 12 (2013) 678-681

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